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Clemens Brentano

Von Brentano


2,393

An Philipp Otto Runge


Sie lesen hier die Zeilen eines Menschen, von dessen großer Liebe zu Ihnen, in sofern er Sie durch Ihre Arbeiten und aus der Schilderung jener Freunde kennt, welche er mit Ihnen theilt, Sie vielleicht von Zimmer, Steffens, oder Louisen Rei-chard bereits gehört haben, und es ist nur die Furcht, daß jene geliebten Menschen mich noch nicht bey Ihnen eingeführt haben möchten, welche mich seit langer Zeit abgehalten hat, Ihnen zu schreiben, denn ich habe eine Bitte an Sie seit lange auf dem Herzen. Sie werden vielleicht selbst schon erfahren haben, daß man sich mit Wünschen und Hoffnungen so herzlich herumtragen kann, daß man endlich glaubt, es sey alles bereits gelungen und erfüllt, ja mir ist es mit solchen Tauschungen in meinem Leben einigemal schon so ernstlich ergangen, daß ich im vollen Genuß des Planes bis zur Sättigung gelangt, und dadurch um das Werk selbst gekommen bin, das zwischen beiden liegen sollte. So soll es mir aber diesmal nicht gehen, und ich will Ihnen darum mein Herz ausschütten.
Ich habe sowohl innerlich als äußerlich ein an bitteren, schmerzlichen, und wohlthatigen, süßen Erfahrungen reiches Leben gelebt. Große Freuden und Leiden sind, mit einer dunkeln grausamen Phantasie sich in mir wiederspiegelnd, über mich ergangen. Es ist vorüber. Verloren durch Muthwill h^lbe ich nichts; der Tod hat mir genommen, was das Leben mir gegeben, und ich erkenne ruhig die Hand Gottes. Das Talent, Dichterwerke zu lieben und zu verstehen, und, was ich selbst liebe und verstehe, zu dichten, würde ich gewiß lauter vor der Welt ausgesprochen haben, wenn nicht alles, was ich dichten mochte, zu sehr die heiligere Geschichte meines Innern gewesen wäre, als daß ich es ohne Frechheit in das laute untheilnehmende Tagewerk der Welt hatte einfügen dürfen. Bey dieser Art von Zurückhaltung verlangte ich bald nach dem, was ich doch selbst besaß, und da es mir von außen nicht gegeben wurde, so verzehrte ich endlich meinen eignen Ueberfluß, so daß ich bald meine zurückgehaltene Freygebigkeit in Durst verwandelt sah. Mein Paradies war untergegangen , nur sein Firmament stand noch über mir; meine Berge waren nicht mehr, aber der Schimmer ihrer Abendsonne schwamm noch in der Luft. Mein Selbstgefühl glich der abgelöseten Farbendecke eines im Wasser versunkenen Pastellgemähl-des, welche noch kurze Zeit oben schwimmt. Ich hätte es vielleicht behutsam wieder auffassen können, aber ich sah lieber so lange lächelnd hinein, bis heftig stürzende Thränen es verwirrten, und der widerliche Gedanke, daß durch das Auffassen solcher schwimmenden Farben marmorirtes Papier gemacht wird, machte, daß ich dem geliebten Bilde noch einen ernsten Scheideblick gönnte, und mich dann muthig den Wellen übergebend es an meiner Brust scheitern ließ. Nach dieser Zeit empfand ich stets in mir eine bestimmte Neigung zu gewissen Bildern und Zusammenstellungen, zu einer gewissen Färbung, und ich sehnte mich, ein Gedicht zu lesen, ein Gemählde zu sehen, eine Blume zu riechen, einen Geschmack zu empfinden, deren Eindruck mir die Wunden hätte schließen, den Schmerz der Narben hätte stillen können. Die bittersten Arzeneyen, z. B. Quassia, schmeckte ich mit einer ganz eignen Lust; die menschliche Schönheit, die mich so angelacht hatte und vor mir in Staub zerfallend mein Herz so tief betrübt hatte, erschien mir wie ein freu dig lachendes Gift, und mich zu trösten ergötzte ich mich Stun denlang, ein reinfarbiges Stück Grünspan anzusehen; die wunderbaren Blüthen der Belladonna und anderer Giftpflanzen machten mir eigene Lust, zugleich aber auch die Granatblüthe und die Lilie. Die Bilder der alten Italiänischen und Neugriechischen Schule, auch der Altdeutschen, besonders Martin Schön und die Cölnifchen Meister, liebte ick ungemein, und sammelte mancherley. Am frühsten rührte mich ein wenig bekannter Mahler, Grünewald, ein Aschaffenburger, von dem ernsthafte, einfache und tiefsinnige Werke in seiner Vaterstadt und der Primatischen Galerie daselbst hangen. Ich konnte sein Bild der Auferstehung lange nicht vergessen. Christus sitzet gleichsam sinnend auf dem Grabe, als erwache er aus dem schweren Traume der Erde zur Seligkeit; er ist en face und schaut den Betrachter mit ernster Glorie an. Es war mir, als sey es der Moment, da er aufhöre, Mensch zu seyn. Dann habe ich noch eine große Liebe zu einer alten Vorstellung der Madonna; Sie finden dieselbe auf einer Abbildung der alten Straßburger Stadtfahne in Königshofens Straßburger Chronik. Das Buch ist nicht selten, und ich wünschte, daß, wenn Sie es noch nicht kennen, Sie sich dasselbe deswegen verschafften. Die Farben des Bildes sind in dem Texte ziemlich genau beschrieben. Der brave Mahler Bury, dem ich es mitgetheilt, wurde ganz davon begeistert und hat es sich nach der Angabe colorirt. Ich kenne nichts ernsteres und freudigeres; es ist Jauchzen und Segnen zugleich. Endlich machten mir Ihre Darstellungen der vier Tageszeiten auch eine ungemeine Freude; mich rührte die tief verfolgte Bedeutsamkeit, die ich darin bis zur Blüthe der anspruchslosesten Zierlichkeit gediehen fand. Die ernsten frommen Kinder sind mir sehr erquickend, aber vor allem erfreue ich mich an dem Mond und den geisterhaft bewegten Sternkindern zu seiner Seite; diese sind mir oft in einsamen Stunden strenge gute Geister vor den Augen. Ganz ungemein erfreute mich auch Ihr Umschlag zum Theateralmanach, den ich bey St. sah; an ihm mag man erkennen, wie wenig verstanden ernstes Kunstbemühen in dieser Zeit ist. Die Menschen sehen das an wie eine artige Verzierung, und gewiß nur sehr Wenige verstehen daraus, welch ganzes tiefes Künstlergemüth jenes seyn muß, das in der bloßen Arabeske solche Blatter und Blumen hervorbringt, die wie jede Blüthe nothwendig sich aus ihrem Saamenkorn gestaltet und metamorphosirt. Ich glaube, man könnte aus den Arabesken und dem Grade ihrer innern, zur Erscheinung heraustretenden Wahrheit treffende Schlüsse auf die Kunstansicht jeder Zeit ziehen; jedoch aus den Ihrigen kann man es leider nicht auf die Kunstansicht der Mitwelt. Sie haben das aus Ihrem Herzen, aus Ihrer Neigung, Ihrem Fleiß, und Ihrem Genius, den ich Sie meiner kindlichen Verehrung zu versichern bitte, wenn er Sie in der Einsamkeit heimsucht und ihm andre Grüße als der Englische Gruß nicht zuwider sind. Wie ich höre, sollen Sie auch Blatter aus den Heymonskindern herausgegeben haben; ich habe sie noch nicht zu Gesicht bekommen.
Indem ich auf den Anfang meines Briefes zurücksehe, muß ich Sie um Verzeihung bitten. Ich sagte da, daß ich etwas an Sie auf dem Herzen hatte, und Sie haben sich bis hieher durch viele Zeilen winden müssen, vielleicht gar mit der Ungeduld, ob der redselige Schreiber am Ende wohl eine arrogante Bitte thue. Aber sehen Sie meinem überfließenden Herzen nach; bedenken Sie, ich habe in meinem ganzen Leben seit dreyßig Jahren nicht mit Ihnen geredet, und Ihnen auch nicht geschrieben, und Sie dürften mir billig Vorwürfe machen, wenn Sie wüßten, daß ich nicht eben ein Schwatzer und Schreiber bin, und Sie sehr lieb habe. Die Sache nun ist: Ich habe Ihnen oben auszusprechen gesucht, wie das Leben mein Gemüth grundirt hat und wie in mir eine bestimmte individuelle Liebe zu gewissen Kunstgenüssen entstanden ist. Wenn ich sage, daß ich Shakspear'n, Goethe'n, daß ich die alten Geschichten liebe, so heißt das, daß ich glaube, alle gute Gabe komme ^on oben her, von Gott, vom lieben, klaren blauen Himmel herab und werde von gesegneten dankbaren Handen empfangen, mit den Blumen der Erde geschmückt, als Dankopfer guter Kinder wieder empor gesendet. Selten jedoch unschuldig und bewußtlos, wie die Perle in der Muschel wachst; häufig erstickt und verunstaltet oder vergiftet von dem, der nächtlich das Unkraut unter den Walzen säet. Wenn ich aber sagen soll, welche Art der Erscheinungen dieses Gartens zwischen Himmel und Erde mich besonders, nicht sowohl als Menschen überhaupt, sondern als Individuum immer tief gerührt haben, so sage ich Ihnen: das alte Rittergedicht Tristan und Isalde, die Fiammetta des Boc-caz, der standhafte Prinz Calderon's und einige Oden des wahnsinnig gewordenen Würtemberger Dichters Hölderlin, z. B. seine Elegie an die Nacht, seine Herbstfeyer, sein Rhein, Path-mos, und andere, welche in den zwey Musenalmanachen Se-ckendorf's von 180? und 1808 vergessen und unerkannt stehen. Niemals ist vielleicht hohe betrachtende Trauer so herrlich ausgesprochen worden. Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bittern Brunnen seines Herzens; meistens aber glänzet sein apokalyptischer Stern Wermuth wunderbar rührend über das weite Meer seiner Empfindung. Wenn Sie diese Bücher finden können, so lesen Sie diese Lieder doch. Besonders ist die Nacht klar und sternenhell und einsam und eine rück- und vorwärts tönende Glocke aller Erinnerung; ich halte sie für eines der gelungensten Gedichte überhaupt. Wahrend ich Solches erlebte, entstand in mir unbewußt die Begierde, ein Gedicht zu erfinden, wie ich gern eins lesen möchte, und, was mir nicht begegnet war, gewisse Bilder und Zusammenstellungen begegneten mir immer wieder. Ich schaute sie mit gleichem Genusse an, ihre Farbe wurde mir bestimmt, und ich entschloß mich, sie in einem historischen Verhältniß zu einer ganzen Begebenheit auszubilden, die bald auch ein Schicksal', eine Nothwendigkeit, ihren Himmel, ihre Erde, Leben und Tod empfing. Ich bildete sie in einzelnen Romanzen aus, die alle klar und bestimmt, ohne vielen lyrischen Erguß, meist handelnd sind, und empfand bald, daß sie mein gehörten, daß sie von mir waren, und mich erfreuten. Ich theilte sie den verschiedensten Menschen mit; sie machten Allen einen gleich angenehmen, ernsten und rührenden Eindruck, und ich gewann diese Arbeit lieb, von der ich leider durch betrübende Zeit- und Selbstverhaltnisse nur zu oft getrennt wurde. Die Hälfte ungefähr liegt fertig; der Plan des Ganzen ist es auch, und ich bin in der Lage und Müsse, den Nest bald zu vollenden. Der Titel würde seyn: Die Erfindung des Rosenkranzes. Befürchten Sie kein modernes, Christlich geschminktes Geklimper, das mir höchst zuwider: Das Ganze ist lebendige Begebenheit, doch ohne Grundlage einer Legende, von mir erdacht, deren Schuld und Buße sich mit der Erfindung des Psalters löset, und diese ist mit demselben verwebt und innig verbunden, damit es nicht ein Roman, sondern ein kleines Epos sey. Z. in Heidelberg, der das Gedicht liebt, und es bey seiner Vollendung drucken wird, hat meinen heimlichen Wunsch, daß Sie meine Arbeit mit Ihren Zeichnungen verzieren möchten, durch die Schilderung Ihrer Güte schier in mir zu einer Hoffnung gemacht, ohne deren Erfüllung ich meinen Muth, fortzuarbeiten, sehr würde sinken sehen. Dies war also meine Bitte, ich habe es gesagt; nun das Nähere. Z. wird das Ganze in klein Folio oder größtes Octav drucken, und da es aus ungefähr 24 Romanzen in kurzzeiligen Versen bestehen wird, so bildet der Druck eine schmale grade Columne. Mein Wunsch nun war, diese Lieder, die ich mit Begeisterung und Ernst geschrieben, möchten Ihnen so wohl gefallen, daß Sie gern jede Romanze mit einer Randzeichnung, so wie die Dürerschen, im Steindruck vorhandenen, des Münchener Gebetbuchs, abbildend und in die Verzierung überphantasirend umgaben. Ich wünschte, daß Sie es geme thun, und daß es Ihnen Freude machen möchte, ja daß Ihre Randglossen die Hauptsache und mein Text ein armer Commen-tar schienen, und anders wird es gewiß nicht werden, wenn Sie es thun. Sehen Sie nun, Sie beschuldigen mich schweigend mit Unrecht einer lacherlichen typographischen Eitelkeit, denn die Geister, welche durch Ihre Feder am Rande erscheinen werden, sollen die meinen erlösen, und die Grillen des Zeichners mein wunderliches Lied umgeben, als sey es ein Aschenhaufen (es ist eine Sage bey uns, wenn die Grillen unterm Feuerheerde singen, es seyen die Seelen der Vögel, die einst auf den grünen Bauund bestimmt, ohne vielen lyrischen Erguß, meist handelnd sind, und empfand bald, daß sie mein gehörten, daß sie von mir waren, und mich erfreuten. Ich theilte sie den verschiedensten Menschen mit; sie machten Allen einen gleich angenehmen, ernsten und rührenden Eindruck, und ich gewann diese Arbeit lieb, von der ich leider durch betrübende Zeit- und Selbstverhaltnisse nur zu oft getrennt wurde. Die Hälfte ungefähr liegt fertig; der Plan des Ganzen ist es auch, und ich bin in der Lage und Müsse, den Nest bald zu vollenden. Der Titel würde seyn: Die Erfindung des Rosenkranzes. Befürchten Sie kein modernes, Christlich geschminktes Geklimper, das mir höchst zuwider: Das Ganze ist lebendige Begebenheit, doch ohne Grundlage einer Legende, von mir erdacht, deren Schuld und Buße sich mit der Erfindung des Psalters löset, und diese ist mit demselben verwebt und innig verbunden, damit es nicht ein Roman, sondern ein kleines Epos sey. Z. in Heidelberg, der das Gedicht liebt, und es bey seiner Vollendung drucken wird, hat meinen heimlichen Wunsch, daß Sie meine Arbeit mit Ihren Zeichnungen verzieren möchten, durch die Schilderung Ihrer Güte schier in mir zu einer Hoffnung gemacht, ohne deren Erfüllung ich meinen Muth, fortzuarbeiten, sehr würde sinken sehen. Dies war also meine Bitte, ich habe es gesagt; nun das Nähere. Z. wird das Ganze in klein Folio oder größtes Octav drucken, und da es aus ungefähr 24 Romanzen in kurzzeiligen Versen bestehen wird, so bildet der Druck eine schmale grade Columne. Mein Wunsch nun war, diese Lieder, die ich mit Begeisterung und Ernst geschrieben, möchten Ihnen so wohl gefallen, daß Sie gern jede Romanze mit einer Randzeichnung, so wie die Dürerschen, im Steindruck vorhandenen, des Münchener Gebetbuchs, abbildend und in die Verzierung überphantasirend umgaben. Ich wünschte, daß Sie es geme thun, und daß es Ihnen Freude machen möchte, ja daß Ihre Randglossen die Hauptsache und mein Text ein armer Commen-tar schienen, und anders wird es gewiß nicht werden, wenn Sie es thun. Sehen Sie nun, Sie beschuldigen mich schweigend mit Unrecht einer lacherlichen typographischen Eitelkeit, denn die Geister, welche durch Ihre Feder am Rande erscheinen werden, sollen die meinen erlösen, und die Grillen des Zeichners mein wunderliches Lied umgeben, als sey es ein Aschenhaufen (es ist eine Sage bey uns, wenn die Grillen unterm Feuerheerde singen, es seyen die Seelen der Vögel, die einst auf den grünen Bäumen gesungen, welche heute auf dem Heerde verbrannt wurden.) Es würde mich sehr betrüben, wenn Sie mir Unrecht thaten, und mich für anmaaßend und Ihr Talent unbescheiden in Anspruch nehmend, oder im Verdacht hielten, als hatte ich eine lacherliche Einbildung auf mein Gedicht. Ach das ist es gewiß nicht, es ist nur das herzliche Verlangen, daß Einzelnes in diesen Liedern, etwa in jedem die Bedeutung oder der höchste Moment der Erscheinung, durch einen geistreichen Meister mit wenigen Linien dem Leser näher gerückt sey; denn könnte ich zeichnen, ich würde es nie gedichtet haben. Es ist nicht dieses Lied selbst, das ich liebe, es ist die Fata Morgana über meinem versunkenen irdischen Paradiese, das Nest eines verbrannten, aber nicht wieder erstandenen Phönixes, in dessen Asche blasen dich diese Gestalten gesehen habe, aber ich konnte sie nicht zeichnen, ich mußte sie singen mit gebrochener Stimme. Es hat mich immer eine Erscheinung tief gerührt, die mir im südlichen Deutschland oft begegnet ist: Gefallene, von dem Verführer verlassene arme Bauerinnen und Töchter der geringen Stande pflegen ihre Kinder mit allem Putze, allen Schätzen zu schmücken, die sie erschwingen können, und selbst arm und schlecht gekleidet die lachenden Kinder als schimmernde Trophäen ihres Unglücks im Sonnenschein Sonntags vor der Kirche und unter den spatzierenden wohlgebornen Bürgerinnen herumzutragen. Auch so etwas mag in meiner Begierde liegen, mit der ich Sie ersuche, meine Arbeit nicht zu verschmähen, und wenigstens unbefangen zu versuchen, ob Sie eine nicht herabziehende Veranlassung in ihr finden können, sie mit den besseren Einfällen Ihrer Reißfeder zu begleiten? Doch was kann alles das helfen? wäre ich Ihnen je nah' gewesen, ich wollte Sie so lieb gehabt haben, daß Sie es aus lauter Freundlichkeit thaten. Indem ich mich nun wende, diese Selbstbekenntnisse an Sie, verehrter Mann, zu schließen, mögen Sie in meiner herzlichen Aufrichtigkeit lesen, daß ich, das Auffallende meiner Bitte ohne Absicht selbst fühlend, mit ihr zugleich mein Herz ausschütten mußte, damit Sie das eine um des andern willen verzeihen möchten. Auch St. hat meine Arbeit mit Theilnahme gehört, und mir versichert, es sey ihm wahrscheinlich, daß Sie in ihr gern und leicht Veranlassung zu den lebendigsten und ideellsten Variationen finden dürften. Das Ganze selbst möchte sich einer Folge mit Arabesken da verflochtener Gemählde vergleichen, wo die Gestalt unaussprechlich ist, und wo das Symbol eintritt, wo die Gestalt blüht oder tönt. Ich wünschte, daß Sie sich keineswe-ges an meiner Arbeit störten, sondern nur die Empfindung al-legorisirten, die sie Ihnen macht, ja es würde mich entzücken, wenn Ihre Bilder den Traumen eines Künstlers glichen, die ich mit Gesängen zu begleiten versucht hatte! Scheinet Ihnen aus den vorliegenden Zeilen eine Seele hervorzuleuchten, die einige Ansprüche auf Ihre Neigung machen kann, so befehlen Sie mir, Ihnen den vollendeten Theil meines Gedichtes zu übersenden, und scheuen Sie sich sodann nicht, mir Ihre Gesinnung mitzutheilen, so wie sie ist. Sie kann mir in jedem Falle belehrend seyn, und müßte Ihrer Ansicht nach auch mein Wunsch unerfüllt bleiben, so werde ich mich, nach meiner großen Ach tung für Sie, und durch die rechte Art, mit der Sie mir meine Bitte versagen werden, ruhig bescheiden, daß ich mich in meiner Hoffnung geirrt habe, und daß Sie Recht haben. Bleibt mir immer doch die Gewißheit, daß Sie es mir aus eben so gutem Herzen und Sinne werden versagen müssen, als ich Sie aus einem solchen darum gebeten habe. Leben Sie wohl; ich erwarte Ihre freundliche Antwort bald. Grüßen Sie 3. R. herzlich von mir; empfehlen Sie mich Ihrer Gemahlin, und da Sie so liebe Kinder haben sollen, so erzählen Sie ihnen von einem Manne mit schwarzen Haaren, der sich darauf freut, ihnen vielleicht einmal allerley Mährchen zu erzählen und Liebchen zu singen, wie auch, daß er ihren Vater sehr liebt und ehrt. Ihr Clemens Brentano, (bey Hrn. Ghm. R. P.)
Arnim grüßt von Herzen; auch der schmiedende, rußigte, treue, kluge P., und seine freundliche, festgegürtete, wirthschaftende Hausfrau.
N. S. Ich bin recht erschrocken. Bis hierher hatte ich Ihnen geschrieben, als ich plötzlich das Unerwartetste, Ihren gütigen Brief vom 27. December erhalte. Ein Mann, den ich mir während der ganzen Zeit meines Schreibens fingiren mußte, tritt plötzlich hervor, ich habe seine Schriftzüge, seine Gedanken, seine Rede an mich vor Augen.Ich war bestürzt; P., der mir den Brief gab, wunderte sich auch über den seltsamen Zufall. Die freundschaftlich ernste Aufforderung zu einem, Ihren Studien förderlichen Ideenwechsel ehret mich auf eine demüthigende Art, indem ich meine Schwäche zu sehr fühle. Früher hinreichend vernachlässigt, später im Kaufmannsstande nicht allzuweise angewendet, dann auf Irrfahrten nach dem goldenen Fließe seekrank, schiffbrüchig, und in Sclaverey gerathen, sind mir alle Thore philosophirender Abstraction gänzlich verschlossen geblieben, und wenn gleich mein ganzes Leben aus einer bestandigen Reflexion und Beschauung bestanden, so war leider ihr Gegenstand kein besseres Kunstwerk, als meine eigne arme Person, welche mir endlich, beschämt und geärgert, daß ich ihr immer in die Augen sah, selbst den Rücken drehte. Die Kunstwerke, die ich gesehen, haben mir immer gefallen oder nicht gefallen, ohne daß ich nachdachte warum? Ja ich habe die meisten mich umgebenden Mit-beschauer, welche ihres Urtheils recht versichert waren, häufigst sehr lächerlich reden hören, selbst den braven T. . . nicht ausgenommen, der in seiner Kritik mir eben so allumfassend, als bis zur Verzweiflung bornirt vorgekommen ist, so, daß mir oft, während er von Urtheil und Aburtheil in den frömmsten Worten überfloß, neben ihm so angst und bange geworden, als habe der Guckuk eben im Sinne, ihn zu holen. Um ein tüchtiges Urtheil über ein einzelnes Werk zu fällen, welches mehr als ein Selbstbekenntniß seyn, welches Urtheil ein aus dem Ursprung hervorgehendes Grundgesetz aussprechen soll, müßte man mit der umfassendsten Seele den unermeßlichen Kreis der Anschauungen durchlaufen und aufgefaßt haben, aber leider nimmt der Dämon der Kritik meistens die Menschen in Besitz, welchen das Wenige, das sie gesehen, schon viel zu viel, aber nie genug gewesen ist; und dann habe ich das Unglück, wenn jemand über ein Gemählde, das ich nicht kenne, sehr gut, und über ein Gedicht, das ich kenne, sehr verkehrt spricht, daß mein Glaube an sein Urtheil ein Ende hat: denn wie kann einer das eine verstehen und für das andre ganz blind seyn? Z. B. hat mich eine Mode gewordene, verächtliche Behandlung der Niederlandischen Mahler immer sehr betrübt. Ich glaube: waren alle andern Künstler, als die höhere Kunstrichtung vor äußerlichen Revolutionen zurückgetreten, oder aufgeflogen oder hinabgezogen war, so treu wie die Niederländer an der sie umgebenden Natur geblieben, wir würden die unzähligen affectirten Fratzen nicht um uns haben, die aus einer idealisirenden Empirie aftergeboren sind, welche die meisten Künstler zur höchsten Unempfänglichkeit aufgeblasen hat. Sobald die Nationen wieder ein Firmament des Glaubens und Wissens rund wie eine Halbkugel über sich stehen haben, werden ihnen die Gestirne der Kunst heranziehen, ohne daß sie fragen warum? und wissen wie? Einzelne tiefsinnige Naturen mögen wie versiegelte Brunnen in jeder Zeit stehen, aber sie handeln mit Arcanis, und der Cirkelabschnitt, den sie über ihrer Mitwelt aufspringen lassen, ist nur den Sehern und unschuldigen Kindern erquicklich. Die Welt kann nie ohne Menschen seyn, die Gottes Ebenbild verkünden ; aber ein Volk solcher Menschen ist die Stadt Gottes selber, die hienieden gleichzeitig nirgend ausgebaut wird. Ich glaube nicht, daß je ein einzelner Künstler in spröder Zeit durch tiefsinnige Werke die Kunst befördern wird.
Die Kunst ist durch sich selbst da, und der speculirende Künstler mag wohl ein eben so trauriger Komet der Verlornen Kunst seyn, als alle Philosophie überhaupt da anfangen dürfte, wo das Leben Abschied genommen, und der Trieb nackt und bloß mit sich selbst ringt. Wie aber der speculirende Künstler arbeitet, und wie fein Buchstabe ist, so wird sein Wort seyn, und so wird es Fleisch werden können. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, und auch geistreiche Freunde darüber gefragt: wenn man z. 33. den Afrikanern die Mahlerey rein und ursprünglich
lehren könnte, wie sie wohl mahlen würden, und wie ihre Bilder sich zu unseren und zu unserer Kritik und Theorie verhalten würden, wenn sie z. B. ihren Rafael hatten? Wir haben uns nie dar über verstandigen können. Sollte mir auf meiner Lebensbahn irgend etwas begegnen, das Sie interessiren könnte, so werde ich es Ihnen gewiß mittheilen, aber was kann es Ihnen wohl helsen, da ich kein Urtheil habe, sondern nur ein Wohlgefallen?
Der Weg, den Sie betreten haben, ist um so rühmlicher, als er wahrscheinlich ein einsamer bleiben muß; ja was ist einsamer, als die Philosophie, da sie sich selbst verlassen muß, um sich zu belauschen? Ihr Bestreben ist mir daher stets so achtungswerth und rührend erschienen, da Sie gewissermaaßen die Augen schließen, um in sich hinabzusteigen und zu sehen, wie Sie zum Sehen gekommen; denn an solchem Bestreben sehe ich, daß das Leben der Kunst wahrlich verloren ist, indem der Künstler sich
umsehen muß in sich selbst, um das Verlorne Paradies aus seiner Nothwendigkeit zu construiren. Wenn Ihnen Mittheilungen über Gothische Baukunst in ihrem ganzen Umfange, wie ihn Cöln, der ganze Nheinstrom bis Straßburg, auch Schwaben und Franken darbieten, so auch über die Cölnische Mahlerschule und andre unbekannte alte Meister, erwünscht sind, so wird Ihnen ein ernsthafter geistreicher junger Liebhaber und Sammler
in Cöln, Herr Sulpiz Boisseree daselbst, gewiß mit Freude viel Gründliches darüber mittheilen können, denn er treibt das Studium der Geschichte der Gothischen Kunst ausschließend, und st in dem Augenblick beschäftigt, eines ihrer herrlichsten Monumente, den Cölnischen Dom, wie auch die gemahlten Fenster des Chors, in einer Reihe von Blättern herauszugeben. Er hat längere Zeit mit Schlegel dort gelebt, ist ein trefflicher Mensch, und schien mir eine Anlage zur Klarheit zu haben, soviel als ich ihn kannte. In Deutschland wüßte ich niemand, der sich ernster mit dieser Kunst beschäftigte. Einen Grundriß und das Fron-tispice dieses Doms mit interessanten Nachrichten über sein Hei-ligthum finden Sie in (^'oinliacliii iiisloi'ja. ti'luin i-e^nm, Folio, 16 (ich weiß die lezten Zahlen nicht auswendig.) Auch finden sich in Quaden von Klinkelsbach Deutscher Nation Ehrenschatz , 4", 16 , einige seltene Nachrichten über alte Künstler. Ein recht interessantes Büchlein besitze ich, das vielleicht, obschon es im Katholischen Gebrauch bis zum Jahr 1659 drey Auflagen, und eine Deutsche Uebersetzung zu Ingolstadt und München erlebt hat, in die Hände der Künstler nie gekommen ist. Es heißt: ^Uas Narianus, sive 66 ima^inidus Oelpa-
6uinp6nd6i-ß 6 800. lesu. InZ0lst. 1659, 12", und enthält 75 Abbildungen berühmter, in der Welt zerstreuter, miraculöser Muttergottesbilder in ziemlich guten Kupfern, und bey jedem die kurze Legende seiner Entstehung. Unter diesen sind wenigstens der vierte Theil ihres eigenthümlichen Neugriechischen Typus wegen sehr interessant, und manche für meinen Geschmack äußerst reizend. Jene aber, die ich Ihnen oben auf der Straßburger Fahne angab, trägt bey mir den Preis davon. Ware ich reich und könnte es durch Andre, und möchten es Andre, oder besser: hätte ich gute Augen und Kenntnisse und wäre zum Zeichnen gebildet, und ginge ein Freund mit mir, ich zöge durch den Theil unsres Vaterlandes, der eine ordentliche Geschichte gehabt hat, um die unzähligen untergehenden Gebilde der herrlichsten Kunst mit Linien zu befestigen. In Regensburg an einem zugemauerten Thor der alten Jacobs-Kirche sind so wunderbare hieroglyphische Arabesken, daß, so ihre Abbildung einer Akademie vorgelegt würde, die in der Stadt selbst säße, sie Erklärungen aus Aegypten dazu herholen würde. Kein Mensch sieht sie an und der Krieg zerstört sie vielleicht, während viele Generationen an ihnen vorübergegangen, und höchstens die auf dem Kirchhof spielenden Kinder mit ihnen geschwatzt haben. Unzähliges dergleichen habe ich gesehen, ich weiß alte feuchte Kir-chengewölbe voll der herrlichsten zertrümmerten alten Holzgemählde ; sie verfaulen, und die Anerbietung, sie auf meine Kosten herstellen und in die Kirche hangen zu lassen, ward mir, wie der Ankauf, von unwissenden Vorstehern, als einem Thoren von schlechtem Geschmack, verneinend beantwortet. In einer modernen Stadt der sieben freyen Künste hat man den Studienanstalten ein ausgezeichnetes Cabinet von Kupferstichen und eine Halle voll schöner Abgüsse der Antiken und diesen einen philo-sophirenden Professor der Mahlerey beygesellt, dessen Philosophie, das Unendliche suchend, alles von leiblicher Form und Farbe entkleidend, ihm die Mahlerey unmöglich macht, dessen unmögliche Mahlerey vor der nackten Wahrheit erbleicht und, von einer Gänsehaut des Schreckens überfröstelt, weder vor der Blöße dieser Wahrheit zu erröthen, noch sie, die sich nicht nach der Decke strecken will, zu bedecken vermag, so daß der Künstler im Schweis seines Angesichts mit der Rechten immer bekleidet und mit der Linken entkleidet sich selbst, ein Ding, das vor dem Spiegel sich Gott ahnlich dünkend stammelt: ich bin, der ich bin. Hier, wo zu gleicher Zeit ein tüchtiger und redlicher Philolog und Philosoph seinen Schülern und Freunden die Aesthetik und Kunstgeschichte und das Lob der alten Meister nach den neuesten Ansichten fortwahrend vortragt, kaufte ich am Tag nach meiner Ankunft einen ganzen alten Altar mit vielen sehr schönen Bildern um zwey Gulden, den die Bürger hinauswerfen ließen, um sich einen elenden architektonischen Altar, den sie aus einer zerstörten Abbtey gekauft, hinsetzen zu lassen, und der Küster, der ihn mir verkaufte, der seit fünfzig Jahren die Lichter vor diesen Bildern angesteckt, lieferte mir die eine Hälfte der Gemählde aus seinem Hause, woraus er sich einen Abtritt gebaut hatte. Dieses war der lezte Altar seiner Art in dieser Stadt, und wäre ich eine Woche spater angekommen, so wäre auch er schon vernichtet gewesen. Keiner der dortigen Kunsten-thusiasten, welche theils ihr Evangelium aus dem Athenäum, aus Wackenroder's und Tieck's Phantasien haben, sich aber weiter vor Selbstgefühl nie umsehen, hat je darauf geachtet. Diese Herren ließen die Welt untergehen, denn sie können sie nach verschiedenen Naturphilosophien wieder construiren; sie haben das Recept, wo aber die Apotheke ist, weiß Gott! Wie werden sie sich helfen, wenn der böse Volant den Krautgarten verwüstet und ihnen Mauseloch für Coriander reicht? Auf diese Art werden in hundert Jahren die Fußtapfen alter Bildnerey bald ausgetreten seyn, und wird sehr bequem die Philosophie dann sagen können, wie sie gewesen seyn müsse. Ein Bild, das mich sehr ergriffen, und um welches Deutschland durch Nachlässigkeit gekommen, ist eine Madonna mit dem Kinde, von Dü< rer. Es lag in Baden-Baden in der Verlassenschaft einer alten Markgräsin lang' in Sequester und sollte etwa vor vier Jahren für die Regierung verkaust werden. Der Termin wurde nicht hinreichend bekannt und der Französische Gesandte erwarb es um einen höchst maßigen Preis. Dies Bild schien mir das meiste, was ich von Dürer gesehen, zu übertreffen und hatte die Merkwürdigkeit, daß es in Stellung, Drapirung und dem Gesichte der Madonna, an jenes Rafael's: die Iardiniere genannt, auffallend erinnerte; nur das Kind, welches Maria hier auf dem Schooße hat und ihm eine Kirsche reicht, ist ganz Dürerisch; es steht zu untersuchen, wer von beiden Künstlern dem andern vorgearbeitet hat. Ein Mahler in Baden besitzt noch eine Durchzeichnung davon, die man erhalten könnte.
Ihre Abhandlung über die Farben habe ich gelesen, und wie ein Kind; da ich der unwissenschaftlichste Mensch bin, den die Sonne bescheint, glaubte ich Ihnen gern. Denn wer die Ausbeute tiefer und abstracter Untersuchung mit so einfachen bescheidenen Worten ad lineam demonstrirt, der hat wenigstens Wahrscheinliches gesagt, indem er das Kreuz der Wissenschaft auf seine Schultern genommen und demüthig dem Meister nachgetragen, der der Weg ist und die Wahrheit, und in dessen Fußtapfen der einfachen Lehre bereits die neuen Weltweisen mit hinlänglicher Hoffahrt ihre Göttliche Drey und deutlich gewordene Niere wieder hineinlegen, um sie darin auszubrüten. Eine Nachricht, die Sie vielleicht interessiren wird, ist diese: Da ich vor ungefähr einem halben Jahr in München war, hörte ich von einem Freund, daß ein dort lebender alter Mahler, Namens Klotz, seit vierzig Jahren in ganzlicher Abgezogenheit von der Welt ein System des Lichts und der Färbung in der Mahlerey ausgearbeitet habe, welches von der wunderbarsten Consequenz und Tiefe sey. Ich selbst habe ihn nicht gesehen, weil ich nichts davon verstehe; wer Ihnen dort wohl am besten Nachricht davon ertheilen könnte, ist Rumohr, der bey dem Akademie-Director Langer zu erfragen ist: er soll sehr dienstfreundlich seyn. Weiter soll Professor Görres in Coblenz, ein gelehrter, ideenvoller, trefflicher Mensch, seit langer Zeit mit Forschungen über das Licht beschäftigt seyn. So sehr es möglich ist, daß Sie ihn vielleicht aus seinen Phantasien über Ihre Tageszeiten in den Heidelberger Jahrbüchern für einen ganz andern halten, als Sie ihn halten und lieben würden, wenn Sie ihn in seinem ganzen Umfange kennten, so bin ich doch versichert, daß er es ist, der Ihnen, wenn Sie ihm denselben freundlichen Antrag machten, den mir Ihr geliebter Brief gemacht, ungemein viel Herrliches aus seiner Erfahrung nach seiner Eigenthümlichkeit mittheilen könnte. Ich habe nie einen Menschen gekannt, der Bilder und Kunstwerke so ganz ungemein scharfsinnig betrachtet und der über Gruppirung und Färbung so bestimmte Ideen hat. Mit großem Genuß durchsah ich einst mit ihm eine reiche Kupferstichsammlung. Bis zum Erschrecken war sein Gedächtniß und fein vergleichender Witz, wenn er bey dem tausendsten Blatt sich des 15ten und 104ten so erinnerte, als lagen sie daneben. Ohne zeichnen zu können, habe ich ihn wohl alle Gruppen oder Massen der besten Bilder, die er in Paris und sonst gesehen, mit der Feder richtig zusammenstellen sehen. Zugleich hat er mir oft Pläne zu Gemählden im Gespräche entworfen, die sowohl aus einer mir bis jetzt nie er« schienenen innern Nothwendigkeit, als aus der lebendigsten Natur hervorgegangen. Wollen Sie sich ihm auf mein Wort schriftlich nähern, so werden Sie mir gewiß danken, und ich werde Ihnen vielleicht das einzige gethan haben, wodurch ich Ihnen bis jetzt nützlich seyn kann. Ich habe überhaupt auf der Welt noch nichts gethan, als daß ich schon oft sich fremde Menschen zusammengeführt, die sich viel geworden, und damit be-scheide ich mich als der geringste Brückenbauer, koutikex mini'
Nun bleibt mir noch übrig, Sie wegen dieses langen Briefs um Verzeihung zu bitten; mir selbst habe ich ihn bereits verziehen, denn ich schrieb von ganzem Herzen, und bitte Sie schließend, mir mit wenigen Worten zu berichten, ob Sie nicht ungeneigt seyn dürften, meine Romanzen mit Randzeichnungen zu verzieren? Ich glaube nach dem, was ich von Ihnen gesehen, daß nur Sie es können, und daß meine Arbeit dadurch das gewinnen könnte, was mich immer an ihr freuen dürfte. Da ich Ihre Lage nicht kenne, und ich selbst, wenn ich eingezogen lebe, von eignen Mitteln leben kann, so werden Sie es mir nicht als indiscret auslegen, daß ich Ihnen sodann das Honorar des ganzen Textes von Herzen zum Geschenk mache, so daß Z. allein Ihr Schuldner dafür würde; denn ich würde genug belohnt seyn, wenn ich Ihre Bilder meine Lieder umgeben sähe. Da der Plan ganz in mir fertig ist, so vollende ich es nicht, ehe ich es Ihrer Ansicht übergebe; denn so wie Sie mir zu- oder absagen, werde ich freudiger oder nachlässiger arbeiten. Der Steindruck wäre ein leichtes Mittel der Vervielfältigung. Müßte ich ohne Ihre Einwilligung das Ganze vollenden, so würde mich diese peinliche Ungewißheit stören und hindern; ich erwarte daher nur Ihren Wink, um Ihnen die vollendeten Lieder zur Beurtheilung zuzusenden.
Leben Sie wohl und seyn Sie nicht böse auf mich.








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