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Philipp Otto Runge

An Friedrich Perthes


An Friedrich Perthes Dresden den 19 Dec 1802

An Friedrich Perthes


Lieber Perthes!
+Ich bin auf eine andre weise jetzt ebenso verblüfft wie in halle der Daniel kam #96 und muß nur des morgens immer mahl besinnen, ob es mir nicht geträumt hat+, Hr. Jesus es ist doch ich möchte wände angehen, aber nun ordentlich,
Lieber, du hast mich ganz verstanden und das was du von mir hälst, ich kann es ja wol sagen, halte ich auch von mir, mehr aber auch wirklich nicht, und es ist auch schon genug. mir ist für dich nicht nur bange, daß z. B. Specter, wenn ich wieder nach Hamburg komme, mir das nicht so glauben werden, weil ich so viel jünger bin, daß ich es so gut und wol besser einsehe, was die sache ist, und das gestehe ich dir aufrichtig, diese streitigkeiten, ich kenne sie ja recht gut, mich bange machen für die vielen, für einen der wirklich ausübend die Kunst liebt, zu deutlichen und ertödtenden erklärungen, ich kann es nicht leuchnen, daß ich mir erst, wenn ich zu euch käme, ohne Streit ganz gegen euch aus sprechen mögte, ich habe darin mehr gedult still zu schweigen wie ihr, erst und alles zu hören, denn in meinen Briefen habt ihrs doch nur bruchstückweise und nicht den Zusammenhang weiter hab ich auch nicht das geringste dawieder, bey euch zu leben, und alles andre ist so sehr dafür, daß ich mir gar nichts andres wünsche,
+Nun lieber, zu dem, was über das brod zu sagen ist, das hab ich schon an Caroline gesagt, nicht anders und besser als auf den platten lande wächst, und von diesen Platten lande fühle ich doch neben den anmuthigen Gegenden auch so viel in mir, das ich es fest glaube, davon leben zu können, wenn ihr mir mit der landwirtschaft nur ein bischen an hand gehen wollt,
die Großen bilder und sachen sind das also nicht worauf sich zu verlassen ist, sondern das, was man so ohne umstände aus den Aermel schütten kann, denn wer von der Anstrengung leben will, stirbt an der Erschlaffung. Zu erst will ich nur sagen was, da ich doch das beste immer forttreiben muß, nicht angeht, nemlich sich aufs Potraitmahlen zu aplliciren, das geht garnicht, dann Unterricht, oder gar Calender Kupfer, und alles was dahin schlägt, Bilder handel nur eine gewisse weise, nicht wie gewöhnlich. daß ich aber wie ich dir schon geschrieben durch Zimmerverziehrungen viel thun könnte, scheint mir das aller sicherste zu sein, es läßt sich aber nur gar nicht thun, wenn ich dort hin käme und das ich so sagte, ich hab nun auch zu Weihnacht meine Rähme geschickt, (den Weinrahm #97 schickt ihr mir wol wieder) seht mahl, ich meine so, das ist es, was mich in einem stück so ruhig macht, es ist doch in den Wein da, in den Kindern eben so, ein gewisses, was grade Barg, Hartmann etc. so unbegreiflich finden, es ist eine gewisse harmonie und volkommenheit darin, die eigentlich in mir ist und die zu meiner großen freude in allen, was ich mache, auch im Mahlen, mehr um sich greift. dieses kann keiner leuchnen, daß es ihm anzieht und das ist es grade was ich ohne Umstände, blos dadurch mache. wenn ich recht lustig und ruhig bin könnte ich ein ganzes bild so durchgängig behandeln wie ich es in den Augenblicken fühle, mit solcher bestimmtheit und geschwindigkeit, so würde ich sagen, ich wäre ein Mahler, das muß aber kommen, so aber sind tausend Gestalten und lustige Comische herhaben und liebliche bilder in mir, die nur durch Arabeske können ausgeführt werden. ich werde jetzt arbeiten tag und nacht, um sie blos so aufzusetzen, daß man sie jemand vorlegen kann, sieh solche Kleinigkeiten ziehen am allermeisten an, und ich bin so gar versichert, daß ich mir durch das Ausschneiden, (wenn ich es nur als spielerey betrachte) viel verdinen könnte, wenn ich nun mit diesen Plan da gleich breit auftreten wollte, so würde es so nicht gehen, aber ich meine so, wenn ich einige Jahre nur erst was anderes treiben könnte, was sicher wäre, und dis den leuten so vormachte, (allenfalls auf meinem oder in euren Zimmern) als wenn ich es nicht nöthig hätte, da müste es doch Curjos sein, wenn man nicht vielen leuten ordentlich so lust machen könnte, so was auch zu haben, und wenn es erst so sehr ton wird, dann ist man geborgen, ich meine, daß ich schon viele figuren und situationen während dieser Zeit gezeichnet hätte, daraus läßt sich mit plaisir dan(n) viel neues machen u. zusammenstellen. wann ich nun die sachen so Componirte, könnte ich Hardorff und andren noch einen Dienst damit erweisen, wenn sie sie ausführten, wenn den leuten das nur auf eine schickliche Weise unter den fuß gegeben würde, mit den Mahlermeistern läßt sich das auch schon machen so etwas läßt sich auf so verschiedene Weise thun+; sieh, so kam ich neulich bey den Adjutanten des Curfürsten, der bat mich ich sollte ihm doch mahl erlauben, meine Blumen, die ich nur so auf der Reise ausgeschnitten an den Curfürsten zu zeigen, er bot sich überdem mit den Gärtner zu Pilniz mich im Sommer [mich] bekant zu machen, so stehe ich auch bey den hausmarschall und Maitr(e) de Plaisir Rachniz in Ansehen, und wen(n) ich der frau von R.(achniz) erst mein Weihnachtsgeschenk mache, da wird follends der henker los seyn, +mit so etwas muß man nur thun als nichts, den(n) könnens die leute nicht begreifen, und so dummes läppisches Zeuch wie das nu ist, so kann einen das in brod hinsicht am allermeisten helfen+, ich hab nun auf den Curfürsten gar nicht Entrirt und spas daraus gemacht, hab auch neulich bey Graff zu des Curfürsten beine stehen müssen, wenn man solche tolle sachen so weit bringen kann, daß sie vor den Curfürsten selbst kommen und ihm auf der Ausstellung selbst was vor augen bringt. das ist die wahre Art es dahin zu bringen, daß ein jeder man für was unmenschlich gescheutes hält. +ich bleibe doch den Sommer noch gewiß hier, und das sehe ich ein, daß ich so ungerne ich es wollte ehe ich zu Euch gehe, mir doch noch einen Blahm machen muß und zwar auf eine reelle weise, das ist aber nicht schwer, es kömmt so sehr darauf an, sich nur nicht lächerlich zu machen, und wenn andre lachen wolln, geschwind zuerst anzufangen
Daniel hat mir viel gutes darüber gesagt, und ich werd ihn am Mittwoch schreiben, heut ist keine Zeit mehr, ich habe Pauline gesagt, daß ehe ich sie mitnehmen könnte, ich selbst wol erst einige Zeit nach Hamburg gehen mögte, das fand sie auch sehr natürlich, ich denke, lieber Perthes, es sind so viele leute um einen, die viel weniger können und doch leben, wenn ihr es mir nur anmerken könntet, wo es mir sitzt, ich weis das nur nicht, dieses alles nur vorläufig+, bald mehr und ausführlich an Daniel.
schreibt mir doch auch von euren Weihnachten wie es ist, ich habe dich von herzen lieb, all zusammen grüße in Wandsbeck

dein Otto

sage Daniel er soll nicht böse werden, daß ich ihn nicht auch geschrieben hörst du

96 | Im Frühjahr hatte Perthes Runge zu einer Ausfahrt nach Halle gebeten, wo Runge unvorbereitet seinen Bruder Daniel warten sah, der sich um Runges Seelenzustand kümmern wollte. (Vergl. Anm. 66.)

97 | Rahmenzeichnung zu Die Freuden des Weins".


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