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Philipp Otto Runge

An Pauline Bassenge*


An Pauline Bassenge #91
An Pauline Bassenge*

* = #91
(Dezember 1802) #92
Liebste Pauline!
Ich kann es Ihnen so nicht sagen, wie Ihre liebe Gestalt mir immer vor augen schwebt, Sie glauben es mir, daß ich Ihnen gut bin, und es hat auch kein Mensch so sehr recht das zu glauben wie Sie, ich habe Sie gefragt, ob Sie zusammen mit mir leben mögten, und Sie können mir nicht darauf antworten, weil Sie mich nicht kennen, Sie wissen nicht, was es mit der Kunst und das Leben, das ich führe, für ein bewandniß hat. Sie glauben, daß Sie das alles nicht verstehen würden, und daß ich dann so nicht alles, was in mir ist, mit Ihnen theilen könnte, wie es wol seyn sollte.
Liebe Pauline, wer ein haus bauen will, der soll es nicht auf dem Sande bauen, und wer den Grund alles seines thuns legt, soll auch zu sehen, das er fest ist, der Grund alles dessen was ich thue ist
du sollst GOTT deinen Herrn lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüthe und von allen deinen Kräften, und deinen Nächsten als dich selbst
und du sollst Gott über alle Dinge lieben, fürchten und vertrauen. und darum ist mir jede Kunst nicht gut genug, die nicht auf diesen Grund gebaut ist, wozu kann alles helfen, wozu die ganze Zeit des lebens verwandt werden muß, und was am Ende doch zurück bleiben muß, gar anders ist es aber, mit dem beschaffen, der das auszudrücken sucht, durch Bild, Ton oder Wort, was seine innigste und lebendigste Ueberzeugung von Gottes Liebe ist. der den rechten weg in sich einmahl gefunden hat, wo er weiter graben kann, und der dann auch das Zeug dazu hat, andern auf irgend eine Weise diese Seeligkeit, die er ahndet, und das Leben, was grundlos im Menschen liegt, deutlich vor augen zu stellen, dessen erster und ernster beruf ist es auch, das zu thun. es mag nun für ihn daraus entstehen, was da will. Ich weiß es aus eigner Erfahrung was es ist, tot für diese innige liebe zu seyn, aber ich war einmahl sehr krank und dachte nicht, daß ich noch leben könnte, es war mir auch nichts daran gelegen, weil ich glaubte, es würde niemand sonderlich darum gelegen seyn, ich hatte keinen Gedanken mehr, der mir irgend freude machen konte, ich fühlte selbst, die Lieben hatten mich alle verlassen, und was sollte mich dann noch freuen. die augen waren mir schon zu, da fühlte ich, daß sich jemand über mir legte, ich machte meine Augen auf, und es war meine Mutter, die über mir weinte, liebste Pauline, von diesem Augenblick fängt mein Leben erst an, in den Augenblick befiel mir die furcht vor den Tode, ich clammerte mich in der Todes Angst an meine Mutter und ihre Liebe riß mich wieder ins Leben zurück und wie ich besser wurde und ins freye kam, war es mir, als wenn alle büsche und blumen mich verständen, ich habe nie recht viel lernen können was man so wissenschaft nennt, aber den Punkt woraus alle Wissenschaft entspringt, der liegt wie ein nie versiegender brunnen in mir. ich glaubte nicht, das(s) ein Mensch mich verstehen könnte, und deswegen wurde ich ein Kaufman, weil ich doch einmahl was werden muste, und das lustige Leben, däuchte mich, sprach hier auch aus allen treiben des Menschen, nur daß ich es nie einsähe wie ich es sagen sollte, auch niemand war, der sich sehr um mich kümmerte. aber mein Bruder merkte es wol und kam mir mit den Antrag entgegen, daß ich mich 6 Jahr auf Reisen begeben sollte, und sehen, ob ich mich und die Welt verstehen lernte, ich bin seit dem sehr fleißig gewesen und was ich lernte mich auszudrücken, ist mir leicht von der hand gegangen. meine Lehrmeister fanden viel behagen daran, aber, wenn sie mich in ihre Art die Welt anzusehen, einsperren wolten, entwischte ich ihnen, auf die Weise bin ich nun 4 Jahre um die Menschen herumgegangen und habe gelernt, wofür ich mich hüten muß, wenn ich mein selbst bleiben will, und habe niemand gefunden, der sich nicht fest gesetzt hätte und gesagt: ich weiß nun genug, außer, den alten Claudius, meinen Bruder und meine Geschwister, Perthes und seine familie, und Tiek. darum ist mir Tiek so lieb, und ich weiß recht gut, warum viele ihn falsch verstehen die Kunst ist eine Sache, die auf keine Weise recht verstanden werden kann, als wenn man selbst die größten Männer nur als einzelne Blumen, die seit der Schöpfung gewachsen sind, ansieht, wie kann auch ein Mensch sich einbilden, die Natur und Gott so zu empfinden und so wieder zu geben, ebenso, wie das andre? ohne denselben Grund des Gefühls ist kein Kunstwerk und keine Musik zu verstehen. und wer auf hören sagen fort arbeitet, der baut auf einen Grund, den er nicht kennt,
Es ist mir vieles in der Welt verständlich und begreiflich gewesen, aber wie ich Sie zuerst gesehen habe, war mirs erst als ob alles ein doppeltes Leben hätte, ich weiß es was ich, ohne daß Sie es wissen, Ihnen schuldig bin, und seit dem ist alles, was ich nur dunkel in mir ahndete, deutlicher und bestimmter in mir geworden, ich sehe den Zusammenhang deutlich ein, den die alte Kunst mit der alten Welt hatte, und ich weiß es gewiß, daß jetzt eine ganz neue Kunst entstehen wird, das ist ein jammer, wie viele herliche Menschen den Erbärmlichen geist für die sogenante Aufklährung und Philosofie haben erliegen müssen, und wie Elend und auf was für schlechten Grund die ganze Kunst heutigstags steht, diesem Elend nun abzuhelfen und mein ganzes Leben daran zusetzen, um zu erforschen, ob wir auf unsre offenbarte Religion nicht eine Kunst bauen können, das ist mein Plan, ob der gros genug und ob es der Mühe werth ist, das ist freylich für mich gar keine frage, und ob ich ihn ausführen kann, das ist Gottes sache, und wer mit den rechten glauben arbeitet, der kommt nie zu Ende in unsre eigne Seele, da ist die unergründliche Tiefe, womit wir nie zu Ende kommen. ich könnte ihnen sehr vieles sagen wie ich meinte, das(s) diese Kunst, worauf ich baue aus sehen soll, aber es wäre hier nicht gut möglich und es würde zuviel raum weg nehmen, verstehen werden Sie es gewiß, wenn ich einmal mit Ihnen darüber sprechen kann weil ich nun dieses ins Werk richten will, so ist es nach meiner Ueberzeugung nothwendig, daß ich Italien und Frankreich in hinsicht der großen Kunstwerke nicht sehe, weil mich diese nur auf eine gewisse Zeit von meiner Idee ablenken und am Ende vieleicht gar über den Kopf wachsen und das, was jetzt lebendig für meine Einbildungskraft steht, ersticken würden, ich habe jetzt ein Bild in der Arbeit und noch eins im Sinn das eigentlich völlig den Uebergang zu dieser Kunst bilden soll, auf diese Weise kann ich nun nicht dahin arbeiten, mir einen Nahmen zu machen, oder gar darauf zu rechnen, etwas damit zu verdienen, das muß auf eine andere und bequemere weise geschehen, und es ist immer weit besser, die Kunst zu ernähren als sich von ihr ernähren zu lassen. ich kann auch mit dem was ich meine zu ergründen fürs erste nicht öffentlich herausgehen, weil die Menschen etwas halbfertiges nie verstehen können, auf jeden fall bin ich darauf gefaßt, daß mich viele nie verstehen werden und mich für einen Narren halten, das muß man sich aber schon gefallen lassen, wer auf festen Grund steht, weiß doch wol was er hat, es ist schlecht mit den Künstler bestellt, der erst von andern erfahren muß was er will und was er soll, und es ist viel besser, wenn einer das selbst weiß. man kann auch leicht über jemand lachen, der auf einer linie geht aber wers selbst probirt, dem wirds wohl vergehn. ich habe schon viele gekant, die neben mir den weg recht lustig gegangen haben, aber es ist mit ihnen bald alle geworden, mir wirds immer lebendiger, je länger ich die Welt ansehe und ich weiß auch wol, woran es liegt.
Und doch bey alle dem würde mir der Muth sinken, wenn ich nicht das unverholne Zutrauen zu Ihnen hätte, daß Sie mir gut sind, den(n) es ist sehr leicht das rechte zu wissen und einzusehen aber wer wissen will wie schweer es ist, trag allen albern seiten und reizungen, die einem im Weg gelegt werden, immer dabey zu bleiben und es auch auszuführen, der versuche es. wie sollte ich den Wunsch nicht haben ein herz zu besitzen, daß wen(n) alle mich zu verlassen scheinen, mit vollen Zutrauen an mich hängt? Ich kann das nur in Ihnen finden, wie ich mir Sie denke, und wie ich auch gewiß glaube, das sie sind. ob Ihnen das genug seyn kann, was ich Ihnen gebe, das können Sie nur selbst sagen, ich bringe Ihnen nicht meine Wissenschaft, sondern meine innigste Sehnsucht, mit Ihnen das recht verstehen zu lernen, was Gott ausgegeben und in uns gelegt hat, verdienen kann ich es nicht, daß Sie mich lieben, wie das das beste niemahls verdienen kann. ich mag mich auch nicht leben, es ist auch wol vieles was besser an mir seyn könnte, aber ich bin niemand in mein leben ungetreu geworden und habe den glauben an andre auch nicht verloren.
was ich Ihnen in meinen Eltern und Geschwistern bin und seyn kann, das kann ich Ihnen so nicht sagen, wir sind unser 9 und es ist niemand unter uns, der nicht sein Leben für den andern ließe. mit meinem Bruder in Hamburg bin ich auf jeden Fall verbunden, zu stehen oder zu fallen. den kennen Sie von ansehen. von meinen übrigen freunden in Hamburg kann ich Ihnen durch den einliegenden brief #93 vieleicht auch einen Begriff geben, und Sie werden an Ihr gewiß Ihre beste Freundin finden. meine aelteste Schwester wird vieleicht den künftigen Sommer hier bey mir seyn, ich hoffe, daß Sie sie sollen kennen lernen, Perthes seine schwester Lotte heyratet im frühjahr auch seinen Compagnon #94, diese ist ein Jahr älter wie Sie. Meine Eltern und Geschwister wissen es alle, daß ich Sie recht lieb habe. und ich hoffe, daß auch Ihre Eltern, wenn ich mich deutlich gegen Sie erklären werde, was mein treiben und thun ist, und das ich nicht in den Wind arbeite, etwas dawieder haben werden. Ich verlange kein Versprechen von Ihnen, liebe Pauline, auf diese Worte, was Sie binden könnte, vergessen Sie mich nicht, das ist alles warum ich Sie bitte, es findet sich alles vieleicht bald anders, unter dessen werde ich fleißig arbeiten. Sie sind noch so jung sagen Sie #95, das giebt sich auch mit jedem Tage mehr. ich könnte Ihnen noch wol gar vieles schreiben aber das würde doch alles darauf hinaus laufen, daß ich Sie recht von ganzer Seele liebe, und das wissen Sie schon, und das viele sagen machts nicht aus, ich hoffe es Ihnen durch mein ganzes Leben zu beweisen, es komme wie es wolle, daß ich niemand so lieb haben kann wie Sie.
daß ich in Oeconomischer hinsicht meiner Sache gewiß seyn muß, versteht sich von selbst, ich glaube, daß Sie nicht zu große Ansprüche daran machen werden, so daß es immer noch etwas mehr als zum leben seyn wird.
Liebe Pauline vergessen Sie mich nicht, so wie ich Tag und Nacht an Sie denke, und ich glaube es so gewiß, daß Sie es doch auch fühlen wie ich mich zu Ihnen sehne. den Einl. brief geben Sie mir mahl wieder, wenn Sie können.
Ich bin Ewig Ihre getreuer

Otto Runge


91 | Daniel veröffentlicht in den Hinterlassenen Schriften" Briefe an Pauline von 1802 in ganz kurzen Auszügen unter aus Briefen an Pauline." (H. S. II, 173.)

92 | Der Brief ist undatiert.

93 | Ein Brief Caroline Perthes.

94 | Besser hatte sich im Februar mit Lotte Perthes verlobt.

95 | Pauline Bassenge war damals noch nicht 17 Jahre.





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