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Philipp Otto Runge

Runge an Goethe*


Dresden, den 23. August 1801.

Runge an Goethe*

* = #61

Lieber Herr von Goethe!
Sie glauben garnicht, wie viel ich Ihnen schon schuldig bin, und nun werd ich es noch weit mehr werden. Ich hätte es mir nicht getraut, Ihnen diese Zeichnung zu schicken, wenn Herr hartmann mir nicht Zugeredet hätte. Sie müssen freylich mit dem guten Willen sürlieb nehmen und auch den kriegen Sie nicht, denn ich wollte was ganz anders machen, dünkt mich nun. Wie sehr wünsche ich, bei dieser Gelegenheit von Ihnen und Ihren ßreunden über mich und was mir am meisten fehlt belehrt zu werden.
Sie wünschten in dem letzten Stück der prophäen, daß man Ihnen "liniges von seinem Leben und Studien sagte. Ich hoffe, Sie werden mir, wenn ich das tue, auch bei der Rücksendung sagen, ob ichs recht mache und wies besser gemacht werden könnte. And wenn ichs einsehe, so können Sie sich gewiß darauf verlassen, daß ich Ihren Rat befolgen werde.
Meine Vaterstadt ist Wolgast in Schwedisch Pommern, mein Vater ist Kaufmann, der vorzüglich viel Schiffe baut. Dadurch daß ich fast ? Zähre nacheinander krank war svon mein Utes bis in mein 18tes #62 wurde ich von der Schule abgehalten und hatte unterdeß lauter schöne Sachen gemacht, vorzüglich im sia-pierausschnihen, zu drechseln und am Ende gar in holz zu schneiden. Weil ich aber keinen Begriff von etwas Vessers hatte, als was ich selbst machen konnte, so reizte mich die Sache so sehr nicht, daß ich nicht bei meinem Vruder in Hamburg aufs Ende vertrieben. #63 Wenn ich dort fortschritte gemacht habe, so habe ich sie allein einigen freunden zu verdanken, die sich dort mit mir verbanden. Wir gaben uns selbst alle 14 Tage ein Sujet auf, worauf ein kleiner preis gesetzt wurde, wer es am faßlichsten und deutlichsten darstellen konnte- auf die Zeichnung wurde eben nicht gesehen. Ich hörte die Anatomie von einem sehr" geschickten Chirurgus, der sie sehr deutlich las. Auf der Akademie wurde sie Zwar auch gelesen, aber nur sehr mittelmäßig. 3m Malen habe ich eben garkeine praktische Fortschritte machen können, weil ich erst nichts Zum kopieren von der dasiegen Sammlung kriegen konnte und dann weil Professor Iuel uns garkeine Anleitung gab, als was wir vom Sehen uns abnehmen konnten, "kr hat indeß iht eine Manier, die Vilder herauszubringen, die wie ich glaube nicht zu rekommandieren ist: er retuchiert sie fast von vorne an und bringt sie zum Teil heraus, man weiß selbst nicht wie, und man muß sich wundern, wie schön es doch zuletzt wird. Ich bin nun vor 2 Monate hiersher) gekommen und habe bis dahin nur noch naach den antiken Abgüssen, die auf der Akademie stehen, so wie nach der Antiken und nach der Mengsischen Sammlung mich geübt' auch die Köpfe, so von Casanova noch nach Raffae! auf der Akademie sind, habe ich fleißig gezeichnet. 6err ßartmann ist so gut, mir dann und wann seine Meinung über die Weise Zu sagen, wie ich die Sachen anwende. Ich werde nun ansangen, nach <3ips erst zu malen und einige Kompositionen, die ich als Zimmerverzierungen für einen meiner Vrü-der machen wollte #64, erst in schwarz und meißer Kreide Zu Zeichnen und dann anzumalen. - Auch diese Zeichnung würde ich, wenn ich sie wieder machen sollte, so Zeichnen, da diese Manier eine schon festere Wissenschaft erfordert. -
Ich werde mich einige Jahre hier aufhalten und da mein Vater mich so lange noch ganZ unterhält, so werde ich auch eben diese Zeit so viel wie möglich benutzen. Für meinen Lebensunterhalt ist mir sam) Lnde nicht bange: am <5nde bin ich doch immer noch ein Kaufmann und weiß mich Zu schicken.
Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen mit vielen Schnack aufgehalten habe, der nicht Zur Sache gehört. Wenn ich diesmal Zu wenig geliefert habe, so werde ich sehn, es künftig immer besser zu machen.
Seien Sie so gütig, die Zeichnung an den Buchhändler #65 Richter in Leipzig Zu returieren. Mit der vollkommensten Hochachtung
Ihr gehorsamster
Ph: Otto Runge
(Aresse:) Z.H. Herrn J. W. v. Goethe in Weimar hiebei ein(e) versiegelt(e) Kiste gez. P.O.R. frei. #66

61 | Der Brief wurde gleichzeitig mit der Abersendung einer Preiszeichnung "klchill und Skamandros" für die Weimarer klusstellung gesandt.
62 | Albildgaards jahrelange Nrbeit, große allegorische Gemälde, die der Verherrlichung des dän. Lönigshauses in shristiansborg dienen sollten, fielen 1794 einem Vrand zum Opfer.
63 | Böhndel und Eiffe.
64 | Dänemark trat mit der Nordischen Xiga in den sranz.-engl. Krieg ein.
65 | gemeint ist der "Triumph des amor."
66 | Aus der Festschrift l- N. 3eihmann" Zena 192? O. 99 f. entnommen.






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