Barbara Lang

Eine Betrachtung der Wahrnehmung von Funktionen und Stellenwert der Kultur am Beispiel der HafenCity in Hamburg

Standpunkte und Sichtweisen von Unternehmern, Künstlern und Kulturmanagern

Abschlussarbeit im Studiengang Kultur- und Bildungsmanagement

Erstprüfer: Prof. Dr. phil. Max Fuchs

Zweitprüferin: Dr. Gesa Birnkraut


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Gliederung

1. Einleitung

1.1 Themenwahl und Positionierung innerhalb des Kulturmanagements 4

1.2 Problemstellung: Aufzeigen der unterschiedlichen Wahrnehmungen von Kulturfunktionen am Beispiel der Entwicklung der Hamburger HafenCity 4

1.3 Gang der Untersuchung 5

1.4 Grundlegende Annahmen 6

2. Die Kulturfunktionen der Künste als theoretischer Bezugsrahmen

2.1 Begriffsklärung von „Kultur“ 7

2.2 Skizzierung der Situation der Künste 10

2.2.1 Veränderungen des Verständnisses von Kunst 10

2.2.2 Anthropologische Aspekte der Künste 12

2.3 Der Mensch in der Welt 11

2.4 Systemtheoretische Standpunkte von Kultur innerhalb der modernen Kommunikationsgesellschaft 17

2.5 Übersicht der Kulturfunktionen der Künste 22

3. Wahrnehmungen von Kulturfunktionen im Zuge der Entstehung der HafenCity - Vorstellung des Masterplans und der involvierten Akteure

3.1 Vorstellung des Masterplans des Senats und der HafenCity Hamburg GmbH 25

3.2 Das Verhältnis von Stadtentwicklung und Kultur 27

3.3 Dokumentation der wichtigsten Entwicklungsstufen der HafenCity unter Berücksichtigung der Einbindung von Kultur als Leitmotiv (2003 bis 2006) 29

3.3.1 Erste Pläne für kulturelle Wahrzeichen in der HafenCity im Jahr 2003 29

3.3.2 Eine Rege Debatte um den Stellenwert von Kultur in Hamburg im Jahr 2004 30

3.3.3 Kultur als Leitmotiv des Konzepts „Wachsende Stadt“ im Jahr 2005 35

3.3.4 Das Jahr 2006: Noch findet das kreative, pulsierende Leben woanders statt 38

4. Sichtweisen von Unternehmern, Künstlern und Kulturmanagern über Funktionen und Stellenwert von Kultur

4.1 Vorstellung der Kategorien und Interviewpartner der Expertenbefragung 42

4.2 Auszüge aus den Interviews zum Thema Kulturfunktionen der Künste 43

4.3 Zusammenfassender Vergleich der Aussagen unter Beachtung von möglichen Spannungsfeldern und Schnittstellen 48

5. Schlussfolgerung 51

Literaturverzeichnis

Quellenangaben

Anhang I

Kulturfunktionen der Künste

· Auszug aus dem UNESCO Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen

· Graphiken: Symbolische Formen / Interpenetration der gesellschaftl. Subsysteme

Anhang II

HafenCity

· Pressebeispiele

· Projektauslobung / Projektbeispiele

· Bildmaterial

Anhang III

Expertenbefragung

· Ergänzende Auszüge aus den Interviews zum Thema Kulturfunktionen der Künste


Eine Betrachtung der Wahrnehmung von Funktionen und Stellenwert der Kultur am Beispiel der HafenCity in Hamburg

Standpunkte und Sichtweisen von Unternehmern, Künstlern und Kulturmanagern

1. Einleitung

In Zeiten des Wandels hin zu einer von Komplexität und Paradoxen geprägten Wissensgesellschaft, zeigt sich auch die „Kultur“ nicht unberührt von Unsicherheiten und Widersprüchen. Einstweilen kann sich Kultur im Zuge der kontinuierlichen gesellschaftlichen Umwälzungen unbestreitbar einer zunehmenden Wertschätzung erfreuen. Auch die Tatsache, dass die in der privaten Kulturwirtschaft generierten Umsätze einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor darstellen, wird allmählich allgemein anerkannt. Allerseits mehren sich laut vernehmbar Lobeshymnen auf Kunst und Kultur. Zugleich macht sich jedoch eine Ratlosigkeit, wenn nicht gar ein gewisser Überdruss im Hinblick auf die Künste bemerkbar. Immer wieder stellt sich die Frage, ob es sich bei den Künsten um eine „menschliche Aktivität handelt, deren Beliebigkeit und Willkür sie dem Verdacht der Nutzlosigkeit aussetzt.“ #1 Sind die Künste letztlich doch nur ein Luxus unserer fortgeschrittenen Kulturgesellschaft?

1.1 Themenwahl und Positionierung innerhalb des Kulturmanagements

Die verschiedenen Wahrnehmungen der Wirksamkeit der Künste in der Gesellschaft stehen im Mittelpunkt dieser Untersuchung. Dabei soll die Aufmerksamkeit des Lesers zunächst auf das Phänomen der tatsächlichen Wirksamkeit der Künste gelenkt werden. Schon von Anbeginn der Menschheit ist künstlerische Aktivität fester Bestandteil menschlicher Existenz. Gestalterisches Handeln äußert sich in einer großen Bandbreite von stets veränderlichen Ausdrucksformen, entfaltet dabei unterschiedliche Wirkungen und übernimmt damit nicht zuletzt auch kulturell prägende Funktionen. Welche Rolle spielen die Künste im menschlichen Dasein? Sind sie für den Menschen purer Genuss oder eine Überlebensnotwendigkeit? Liegen künstlerischer Betätigung, ähnlich wie bei den Sprachen, angeborene Fähigkeiten und Ideen oder ähnliche Kompetenzen zugrunde? Geht es bei Schaffensprozessen vor allem um das Herstellen und Anhäufen von Kulturgütern, oder gibt es unter den vielen Facetten des Kultursystems eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe? Und wie lassen sich Erkenntnisse aus der Wiege der Menschheit heute, im Aufbruch eines neuen Jahrtausends, in einen Zusammenhang mit einer von Globalisierung gekennzeichneten, technisch und wissenschaftlich hoch entwickelten Gesellschaft bringen? All diese Fragen üben eine anhaltende Faszination auf mich aus.

Diese vorrangig kulturtheoretische Untersuchung lässt sich in Bezug stellen zu einer aktuellen gesellschaftlichen und kulturpolitischen Diskussion. Die mitunter als Selbstverständlichkeit geltende, aber auch vernachlässigte Thematik der Kulturfunktionen der Künste, soll in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt und neu hinterfragt werden. Ziel dieser Arbeit ist, Inhalte zur Belebung eines nachhaltigen Diskurses zu bieten. Die hier dargebotenen Fragestellungen sehe ich zudem als eine solide Grundlage zur Erfüllung von Aufgaben im Kulturmanagement. Speziell für vermittelnde Tätigkeiten können sie einerseits eine gute Argumentationsbasis für Gespräche und Verhandlungen bilden. Mein persönlicher Schwerpunkt liegt dabei insgesamt in der Stärkung der Position von Kulturschaffenden. Darüber hinaus erhoffe ich mir, dass diese Themenfelder dazu anzuregen und zu ermutigen vermögen, Komplexität auszuhalten – sprich, mit multiplen Antworten und Widersprüchen zu arbeiten, Unbestimmtheit und Veränderlichkeit als einen Grundpfeiler des menschlichen In-der-Weltseins und somit der Kultur zu sehen.

1.2 Problemstellung: Aufzeigen der unterschiedlichen Wahrnehmungen von Kulturfunktionen am Beispiel der Entwicklung der Hamburger HafenCity

Die Entwicklung der Hamburger HafenCity, ein umfangreiches Hamburger Stadtentwicklungsprojekt, wurde als Beispiel für diese Untersuchung gewählt, da hieran sehr deutlich wird, dass unterschiedliche Wahrnehmungen der Kulturfunktionen zu einem unterschiedlichen Zugang zu und Umgang mit Kunst und Kultur führen. Je nachdem, aus welchem Kontext heraus jemand mit den Künsten in Berührung kommt, ergeben sich unterschiedliche Perspektiven darauf. Die jeweiligen Perspektiven sind wiederum ausschlaggebend für die Vorstellungen von den und die Ansprüche an die Wirkungen und Funktionen der Künste. Dies gilt sowohl für das Individuum, als auch für Gruppen, Institutionen oder ganze Gesellschaftsbereiche. Faktoren wie der jeweilige Bildungsstand, die soziale Herkunft, das berufliche Umfeld, die politische Überzeugung, bis hin zu persönlichen Motivationen, künstlerischen Vorstellungen oder ökonomisch definierten Zielen, all dies prägt maßgeblich Auffassungen von Kunst und Kultur. Diese Faktoren nehmen zugleich Einfluss darauf, wie Kultur beschrieben wird. Sie bestimmen, ob und wie Kultur „betrieben“ wird. Wahrnehmung ist ausschlaggebend für die Bedeutung, die den Künsten im Leben des Einzelnen oder innerhalb der Gemeinschaft beigemessen wird. Gleichwohl können divergierende Sichtweisen zu Störungen in der Kommunikation führen. Daher scheint es ein sinnvolles Unterfangen, interessierte Akteure aus den Bereichen der Wirtschaft, der Kultur und des Kulturmanagements für die verschiedenen Sichtweisen auf Kultur zu sensibilisieren. Das Aufdecken von hieraus entstehenden Spannungsfeldern wird als möglicher erster Schritt in einem Annäherungsprozess zwischen den Parteien gesehen. Eine weitere grundlegende Motivation bildet freilich auch das Bestreben, über den Austausch diesbezüglicher Erkenntnisse auf lange Sicht eine stärkere Ausgeglichenheit der sozialen Systeme zu erreichen.

1.3 Gang der Untersuchung

· Der auf diese Einleitung folgende Abschnitt dient der Studie als theoretischer Rahmen. Eingangs werden für diese Untersuchung relevante Kulturbegriffe und Themenfelder eingegrenzt. Es folgt eine Einführung in die Situation der Künste, bei der zunächst auf den erweiterten Kunstbegriff eingegangen wird sowie auf geschichtliche und anthropologische Aspekte der Künste. Insbesondere die anthropologischen Betrachtungen sind als konstituierende Elemente für den weiteren Diskurs über Kulturfunktionen einzustufen. Des Weiteren werden gesellschafts-theoretische Kriterien aufgeführt, um die Spezialaufgabe von Kultur innerhalb der Gesellschaft herauszuschälen. Basierend auf systemtheoretischen Überlegungen wird Kultur als Subsystem beschrieben und damit dessen Position in der Gesellschaft aufgezeigt. Dies geschieht nicht losgelöst von den übrigen Subsystemen der Politik, der Wirtschaft und dem Sozialen, sondern wird unter Berücksichtigung der Interdependenzen und Interpenetration zwischen den Gesellschaftsbereichen erarbeitet. Soziales Handeln wird (nach Max Weber) beschrieben als ein „Handeln“ (Tun, Dulden oder Unterlassen), das für den Akteur subjektiv mit „Sinn“ verbunden ist. In diesem Kontext wird untersucht, inwiefern die Funktionen der Sinnvermittlung und des Diskurses zu den zentralen Aufgaben des Kultursystems #2 zu zählen sind. Im letzten Abschnitt des theoretischen Kapitels findet sich eine kompakte Beschreibung und Wiedergabe möglicher Kulturfunktionen der Künste.

· Das dritte Kapitel ist eine Dokumentation von Sichtweisen unterschiedlicher Akteure auf die Funktionen von Kultur im Zuge der Entstehung der HafenCity. Bei der Entwicklung der HafenCity ist eine allmähliche Hinwendung zur Kultur als Entwicklungsmotor konkret mitzuverfolgen. Parallel zu einer Diskussion um die Erhöhung des Stellenwerts von Kultur, lässt sich in Hamburg eine Ausrichtung auf neue Formen des Stadtmarketings erkennen, ganz im Zeichen von Image-Wandel und gesteigerter Konkurrenzfähigkeit im globalen Wettbewerb der Metropolen. Der im Februar 2000 veröffentlichte Masterplan HafenCity, ein fortschreibungsfähiges Konzept, befasste sich zunächst vorrangig mit Fragen der Nutzung, der städtebaulichen Struktur, des Verkehrs und der Freiraumplanung der zukünftigen Stadtquartiere. Kulturelle Faktoren fanden zwar in den Leitzielen des Konzepts Erwähnung, spielten jedoch in der frühen Entwicklungsphase der HafenCity eine unerhebliche Rolle. Nachdem mutige Pioniere mit freien Kunstprojekten erste wahrnehmbare, kulturelle Keimzellen eines rasant im Aufbau befindlichen Stadtgebietes bildeten, finden dort seit dem Jahre 2005 regelmäßig durch die HafenCity GmbH und Kooperationspartner geförderte Kulturprojekte statt. Kulturelle Aktivitäten haben also erst mit Verzögerung Einzug in die HafenCity gehalten. Im Verlaufe der Entwicklung des ehemals ausschließlich hafenwirtschaftlich genutzten Gebiets spielt der Begriff der „Revitalisierung durch Kultur“ jedoch eine zunehmend wichtige Rolle – eine Begebenheit, die sich zeitgleich und entsprechend in der Kommunikation des Vorhabens wiederfindet. Speziell im Stadtentwicklungssektor sind Vorgehensmodelle verbreitet, bei denen die Künste zu bestimmten Zwecken eingesetzt werden und die somit auf eine Instrumentalisierung von Kultur seitens der Wirtschaft und der Politik hindeuten. Anhand der aktuellen Entwicklungen wird aufzeigt, dass Diskrepanzen bestehen können zwischen den Wahrnehmungen des Stellenwertes von Kultur und der originären, eigenständigen Rolle von Kultur und den Kulturfunktionen der Künste.

· Die im vierten Abschnitt folgende Befragung von Akteuren aus den Bereichen Wirtschaft, Kultur und Kulturmanagement dient der Veranschaulichung der vorangegangenen theoretischen Ausführungen. Mit der Expertenbefragung sollen aktuelle Ansichten eingeholt werden, obschon diese keineswegs als repräsentativ erachtet werden. Die Absicht ist vielmehr, gewisse Grundgedanken im Bezug auf die Kulturfunktionen der Künste anhand von Beispielen zu illustrieren und mit lebendigen Stimmen anzureichern. Dabei ist davon auszugehen, dass die Aussagen sowohl Schnittstellen als auch Spannungsfelder zwischen den Akteuren verschiedener gesellschaftlicher Bereiche verdeutlichen werden. Eine weitere der Befragung zugrundeliegende Annahme ist, dass es einen beträchtlichen Bedarf an Vermittlung zwischen den verschiedenen Akteuren gibt und dass eine solche vermittelnde Instanz von den jeweiligen Akteuren als sinnvoll erachtet wird. Der zweite Teil des vierten Kapitels besteht aus einem vergleichenden Resümee, bei dem zugleich die hier aufgeführten Annahmen geprüft werden.

· Diese Arbeit fußt auf den bereits genannten Fragestellungen und grundlegenden Annahmen. Die Schlussfolgerung wird resümierend beleuchten, ob mit dieser Untersuchung die unten aufgeführten Annahmen bestätigt werden konnten. Gleichwohl ist anzumerken, dass es sich bei dieser Arbeit nicht um konkrete Beweisführung dreht, sondern sich vielmehr um eine Auffassung handelt, die sich anhand der zusammengetragenen Inhalte verfestigen soll. Ergänzt wird diese Betrachtung mit einer abschließenden, persönlichen Stellungnahme.

1.4 Grundlegende Annahmen

Eine Annahme ist, dass die Kulturfunktionen der Künste verdeutlicht werden müssen,

- um über ein größeres Bewusstsein für die Kulturfunktionen eine Stärkung der gesellschaftlichen Position von Kulturschaffenden und Künstlern zu erzielen;

- um Kulturschaffenden Argumente an die Hand zu geben, die ihre Position als gleichrangige Verhandlungspartner unterstützt bei der Vorstellung und Verhandlung von Kulturprojekten, bei der Antragstellung für Förderung bei Kulturbehörden, Stiftungen etc.;

- um eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Kultur auf gleichberechtigtem Niveau zu ermöglichen mit nachhaltig positiven Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft;

- um letztlich den Fortbestand der Künste (innerhalb des Kultursystems) zu sichern, u. a. dadurch, dass Kultur, wie vorgeschlagen, im Grundgesetz verankert wird und eine adäquate sowie breitgefächerte Kulturförderung als öffentliche Aufgabe festgeschrieben wird.

Eine zweite, darauf aufbauende Annahme ist, dass dem Kulturmanagement zur Verdeutlichung von Kulturfunktionen künftig eine tragende Rolle zukommen wird, da es eindeutigen Bedarf an Vermittlung zwischen den Akteuren verschiedener Gesellschaftsbereiche gibt. Kulturmanager und Kulturwissenschaftler können zur Erreichung der obengenannten Ziele unterstützend tätig sein, wodurch sie zu einem insgesamt besseren Verständnis zwischen Verhandlungspartnern aus Wirtschaft, Politik und Kultur beitragen und somit bestenfalls zu einer „Win-Win-Situation“.


Anmerkungen

1 Frey, Anthropologie der Künste, (Seite 12)

2 Kultur umfasst dabei außer den Künsten auch das Bildungssystem, die Religionen und Wissenschaften


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